Untote reloaded: Eingebautes Tempolimit – the return of the Wanderdüne?

In der heutigen Presse war die Schlagzeile zu finden „Geschwindigkeitsbegrenzung: Neue Volvos bald nur noch mit eingebautem Tempolimit“.

Quelle zum Beispiel hier: https://www.welt.de/wirtschaft/article189766435/Volvo-begrenzt-ab-2020-Geschwindigkeit-seiner-Pkw-auf-180-km-h.html

oder hier: https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/mobilitaet/volvo-fuehrt-tempolimit-ein/

Das ist ja ein Ding. Ich dachte, jedes Kraftfahrzeug hat ein eingebautes Tempolimit, genannt Höchstgeschwindigkeit. Oder können bisher alle Autos beliebig schnell fahren?

Also mein erster Golf 2 von 1987 hatte ein eingebautes Tempolimit von 151 km/h. Tacho war das dann so ca. 160 km/h und fühlte sich schnell an. Mehr war aus den 1.3 Litern mit 55 PS nicht rauszuholen.

Golf II 1.3 Liter, 55 PS, Bj. 1987

Mein Volvo 940 Turbo von 1997 hat ein eingebautes Tempolimit von 205 km/h (gemäß Zulassung). Schneller als 180 km/h möchte man aber eigentlich nicht damit fahren. Das fühlt sich dann sehr schnell an und das Fahrwerk ist schon ein wenig schwammig.

Volvo 945 2.3 Turbo „Classic“, Bj. 1997

Die Pressemitteilung von Volvo suggeriert: Diese Fahrzeuge könnten technisch gesehen schneller fahren, sie werden aber vorher bei 180 km/h abgeriegelt. Ob das wirklich so ist bzw. sein wird, könnte man nur testen, wenn es dann auch technische Umgehungslösungen geben wird. So wie heute. Deutsche Hersteller haben sich freiwillig auf 250 km/h beschränkt, Freischaltung gegen Aufpreis ist aber natürlich möglich… Allerdings zielt Volvo auf andere Kunden ab und hat sich ja auch schon dem 4-Zylinder-Einheitsmotor verschrieben. Man kann also vermuten, dass dann mehr als 180 km/h auch wirklich nicht mehr geht. Entsprechend kostengünstig(er) könnte Volvo dann auch Fahrwerk, Bremsen, etc. gestalten….

Ist Volvo jetzt besonders innovativ oder besonders retro? Für die Mehrzahl der Volvofahrer dürften 180 km/h ja durchaus ausreichen. So wie früher. Ein 245er Volvo erreichte mit 115 PS auch maximal 177 km/h. Und er ist dazu noch viel kultiger als die heutigen China-Bomber, die als Volvo verkauft werden.

Downsizing war ein Modebegriff der letzten Jahre, den man aktuell weniger liest. Beim eingebauten Tempolimit könnte man damit endlich mal Ernst machen. Warum Motörchen mit 0.9 Litern Hubraum, die aber dennoch 150 PS und 200 km/h Spitze ergeben müssen (und den frühen Turbo-Tod sterben)? Endlich mal konsequent sein.

Der Passat 32 B meiner Eltern hatte 90 PS, fuhr 180 km/Spitze und hatte schon einen tollen Durchzug. Das Gefühl von Verzicht war damit 1982 nicht verbunden.

Passat Variant 1,8 Liter, 90 PS , ca. 1988

Oder der hier, ein Lifestyle-Model der 1970er und frühen 1980er: Ein Mercedes-Benz W123 (250 E) hatte 6-Zylinder, 140 PS und eine Höchstgeschwindigkeit (neudeutsch eingebautes Tempolimit) von …180 km/h.

Mercedes Benz W123

Noch konsequenter: Mercedes-Benz W123 (240 TD): Mit 4 Zylindern, 72 PS und 140 km/h schnell. Das war die E-Klasse! Der Volksmund sprach hier von der „Wanderdüne“.
Entschleunigung? Schon von den 68ern genossen: https://www.adac.de/infotestrat/oldtimer-youngtimer/newsletter/Spitznamen-Wanderduene.aspx

Langsamfahren ist doch kein Problem. Kann jeder freiwillig machen, sofern er damit kein Verkehrshindernis wird. Also bitte rechte Spur benutzen…

Freiwilligkeit ist aber eben genau nicht das Thema von Volvo, den Chinesen im Schwedenpelz:

“ Daneben untersucht Volvo auch, wie künftig eine Kombination aus intelligenter Geschwindigkeitskontrolle und räumlichen Überwachungssystemen wie Geofencing zu einer automatischen Tempobegrenzung im Umfeld von Schulen oder Krankenhäusern führen kann.“

„Wir wollen eine Diskussion darüber starten, ob Automobilhersteller das Recht oder vielleicht sogar die Pflicht haben, Technik in ihren Autos zu installieren, die das Verhalten der Fahrer verändert und Fehlverhalten wie zu schnelles Fahren, Drogenkonsum oder Ablenkungen verhindert“, sagte Volvo-Chef Håkan Samuelsson. „Wir haben noch keine endgültige Antwort auf diese Frage, glauben aber, dass wir selbst in dieser Diskussion eine Führungsrolle einnehmen und sogar Pionier sein sollten.“

Dein Auto ändert Dein Verhalten? Im Sinne des Guten? Moralische Überlegenheit kombiniert mit staatlicher Überwachung. The worst of both worlds sozusagen: Schwedisches Gutmenschentum (Volvos wurde damals ja schon gerne von Lehrern gefahren) und chinesischer Überwachungskompetenz (Einführung eines Social Credit Systems, vgl. zum Beispiel hier https://www.welt.de/politik/ausland/article174746362/Ueberwachungsstaat-China-Sozial-unangepasst-Das-wird-Folgen-haben.html )

Schöne neue Welt… Neue KfZ sind heute schon Datenkraken. Morgen kontrollieren Sie noch Dein Sozialverhalten und ob Du auch wirklich mit Deiner Frau an den Baggersee gefahren bist.. (Kombi halt).

Nicht nur deshalb. Nie waren Oldtimer- und Youngtimer so wertvoll wie heute (und morgen). Es lohnt sich, für ihren Erhalt zu kämpfen!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.